Mittwoch, 28. Oktober 2015
Mein Fußball
jonas g, 15:38h
Ronaldo. Mit ihm hat es bei mir angefangen. In seinem grellgelben Trikot und nicht minder auffälligen Fußballschuhen hatte er mich in seinen Bann gezogen, noch bevor mir überhaupt klar wurde, wer er war, was er tat und was den Mann eigentlich ausmachte. Es genügte zu wissen, dass er nahezu jede Abwehrkette dieser Welt in ihre Einzelteile zu zerlegen im Stande war. Dass er Gegenspieler reihenweise stehen-,sitzen- oder links liegenlassen konnte und Tore aus allen Lagen erzielte. Als Kind erfüllten mich Ehrfurcht, ein Gefühl der Hilflosigkeit, fast ein wenig Angst, wenn ich nur den Namen diese Spielers las oder ein Foto von ihm sah, der Kamera den Rücken zugekehrt. Als wolle er der ganzen Welt sagen: „Ich bin die Nummer 9. Und ihr könnt alle einpacken!“ Jene Rückennummer bildete für mich ein Verhältnis selten dagewesener Symbiose mit ihrem Träger. Ronaldo erhielt seine Macht bzw. seine Übermacht unter anderem durch die 9 und die 9 wurde zu einem ernstzunehmenden Herrschaftsinsignium, prangte sie doch überdeutlich auf dem Rücken des besten Athleten, der mir zu dieser Zeit bekannt war. Dieser Eindruck verfestigte sich zusehends, vor allem, als ich von einem Grundschulfreund darauf aufmerksam gemacht wurde, dass er auf seiner Playstation die meisten Tore mit der Nummer 9 von Brasilien erziele. Soweit so verständlich, interessant wurde es jedoch, als er weiter berichtete, dass normalerweise während des Torjubels Name des Schützen, Spielminute etc. eingeblendet würden. Bei der Nummer 9 sei dort jedoch schlicht und einfach „No.9“ zu lesen. Alle anderen Namen seien korrekt eingetragen, nur dieser Ronaldo schien zu erhaben, zu phänomenal zu sein, als dass ein simples Videospiel sich anmaßen dürfe, den Namen der Nummer 9 zu verwenden.
Letztendlich lässt sich sagen, dass Ronaldo, oder Ronaldo Fenômeno, wie er in seiner brasilianischen Heimat passenderweise genannt wird, für mich persönlich die Faszination für den Fußball personifiziert. Sobald ich im Garten oder auf dem Bolzplatz stand, wurde ich Ronaldo, sah die Abwehrreihen vor meinem inneren Auge erzittern, hörte die Tausenden und Zehntausenden auf den Rängen schreien, wirbelte umher und schoss, schoss, schoss. Ich schaute zu Ronaldo auf. Dabei war er im Grunde einfach jemand, der sein Hand-bzw. Fußwerk einfach perfekt zu beherrschen schien, und das anscheinend ohne große Schwierigkeiten. Es wird zwar nicht allzu viele Menschen geben, auf die das zutrifft, den ein oder anderen wird man allerdings finden. Jedes Gebiet, jede Kunst, jedes Spiel hat auch Ausnahmekönner. Insofern erscheint es im Nachhinein als ziemlicher Zufall, dass mich ausgerechnet der beste Fußballer so beeindruckte. Ich sah nur Ronaldo. Genauso sollte mein Fußball sein.
An dieser Stelle ist es eventuell ratsam, etwas sachlicher über ihn zu schreiben. Bei Cruzeiro, seiner ersten Profistation erzielte der damals 17-jährige 12 Tore in 14 Spielen. Selbstverständlich erweckten solche Quoten das Interesse großer europäischer Spitzenvereine. Nachdem er zwei Jahre für PSV Eindhoven gespielt hatte, wechselte Ronaldo zu Barça, blieb für eine Saison und schoss 34 Tore in 27 Spielen. Ähnlich spektakulär verlief seine Zeit bei Inter Mailand und Real Madrid. Als Speerspitze der „Galaktischen“ ging Ronaldo endgültig in die Geschichte des Weltfußballs ein. Den Madrilenen schloss er sich im Jahre 2002 an, nachdem er das Finale der WM in Südkorea und Japan quasi im Alleingang entschieden hatte. El Fenômeno sammelte Titel wie andere Briefmarken: er ist zweifacher Weltmeister, zweifacher Copa- América-Sieger, er gewann den Europapokal der Pokalsieger, den UEFA-Pokal, den Weltpokal, wurde zweimal spanischer Meister und gewann sowohl die Copa del Rey als auch den KNVB-Pokal. Soviel zu den Mannschaftstiteln, doch auch das Trophäenregal mit persönlichen Auszeichnungen dürfte äußerst gut gefüllt sein. Er ist dreifacher Weltfußballer des Jahres, zweifacher Europas Fußballer des Jahres und war häufiger Torschützenkönig als andere Profis während der gesamten Karriere Tore erzielen. 1996 in den Niederlanden, 97 und 2004 in Spanien, zudem Europas Torschützenkönig und Welttorjäger 1997. 2002 gewann er neben dem WM-Titel auch den Goldenen Schuh der Weltmeisterschaft, überhaupt ist er Brasiliens Rekordtorschütze bei Weltmeisterschaften.
Der Titel des Welttorjägers gefällt mir persönlich am besten. Die Bezeichnung spiegelt im Grunde alles wider, was Ronaldo darstellte-zumindest für den kleinen Jungen, der im Garten einen Ball durch die Gegend pfefferte. Wer sollte einen Welttorjäger schon aufhalten? Wenn er wie eine Chimäre, wie ein eiskalter Schatten durch die Abwehrreihen geistert, bevor er wie aus dem Nichts zuschlägt. Zack, werden drei Gegner stehen gelassen und im Handumdrehen ist das Tor erzielt. Wie Ronaldo zu sein, erschien mir als das höchste Glücksgefühl, das überhaupt erlebt werden konnte.
Doch mit der Zeit veränderten wir uns, Ronaldo und ich. Auf der einen Seite die Nummer 9, die immer weniger Bedrohung ausstrahlte, je weiter sich ihr Träger seinem Karriereabend näherte. Partys schienen für Ronaldo interessanter zu werden als das harter Training, das man eben braucht um Welttorjäger zu bleiben. Auf der anderen Seite ich selbst, der kleine Junge, der mittlerweile nicht mehr so klein war, und anfing, Systeme, Hintergründe, kurzum die Komplexität des Spiels zu durchdringen- oder es zumindest versuchte. Mein Fokus lag nunmehr weniger auf der Vollendung eines Spielzugs als vielmehr auf seiner Entstehung, also dem Moment, in dem die Torchance unaufhaltsam ihren Lauf nimmt. Einhergehend mit der Erkenntnis, dass zu einem gelungenen, ansehnlichen, eben schönen Tor kein spektakulärer Trick oder atemberaubender Sprint gehören muss, galt mein Interesse nunmehr eher den Spielgestaltern als den Mittelstürmern. Sie sind gewissermaßen die Keimzelle einer jeden erfolgreichen Mannschaftsaktion, weshalb von ihnen gänzlich andere Qualitäten verlangt werden als von Welttorjägern. Statt schnell, trickreich und explosiv zu sein, muss ein Spielmacher in der Lage sein, Räume auf dem Feld zu erkennen, Schwächen der gegnerischen Mannschaft herauszuarbeiten und diese durch gut durchdachte, technisch sauber ausgeführte Ideen im Sinne des Teams auszunutzen. Auf ihrer Arbeit basiert der Erfolg der Mannschaft. Auch ein Welttorjäger kann kein Spiel gewinnen, wenn er auf sich allein gestellt ist, trotz aller technischen Finesse und der Kraft, der Schlitzohrigkeit, die in ihm steckt.
Ein früherer Jugendtrainer erklärte mir mal, dass man als Mittelstürmer nicht viel nachdenken dürfe, das verkompliziere nur alles, da man oft innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde entscheiden müsse, was als nächstes zu tun sei. Da bliebe dann keine Zeit zum Denken. Dieser Ansicht war übrigens auch Gerd Müller, der wohl größte Torjäger, den Deutschland jemals hervorgebracht hat: „Vor dem Tor darfst´ net das Studieren anfangen.“ Klare Ansage, wer zu viel überlegt, verliert.
Vor dem Torabschluss steigt die Fieberkurve bei jedem auf dem Platz. Egal, in welcher Mannschaft man spielt oder welche man anfeuert, die größte Dramatik, das höchste Ausmaß an Spannung, das höchste Tempo wird erreicht, kurz bevor bzw. kurz nachdem der Ball den Fuß des Stürmers verlässt. Das erinnert an den Höhepunkt der Handlung eines Filmes oder Theaterstücks. Sich diesem Wahnsinn zu entziehen, also das Aufkommen dieser Highlights zu verhindern, würde zwar die Nerven beruhigen, gleichzeitig aber auch den Sinn des Spiels konterkarieren. Wenn nämlich gar nichts mehr passiert, schaut keiner mehr zu. Man kann höchstens versuchen, diese Momente des Aufbegehrens in die „richtige Richtung“ zu lenken, das heißt, das Heft in die Hand zu nehmen, das Tempo und die Richtung des Spiels zu kontrollieren. Und genau darin liegt für mich die größtmögliche Leistung eines Fußballers. Durch eine einzige Bewegung, eine Einschätzung, eine Entscheidung, kann das gesamte Spiel beeinflusst werden. Und das Beste daran ist, man muss dafür kein gestählter Superathlet sein, denn die Grundlagen für diese Art von Kontrolle befinden sich im Kopf des Spielers. Es ist eine geradezu intellektuelle Arbeit, die verrichtet wird. Andrea Pirlo umschreibt dies in seiner Biografie: „Kleine Schritte für mich, große Schritte für die Mannschaft.“
Und auch hier lässt sich ein faszinierender Aspekt des Fußballsports erkennen. Diese zwei offenkundig gegensätzlichen Spielertypen - die explosive, instinktiv handelnde Nummer 9, der der Sinn nach Spektakel steht auf der einen, der besonnene, evaluierende, eher zurückhaltend auftretende Spielgestalter auf der anderen Seite- sind quasi aufeinander angewiesen. Ohne Ideen, ohne Geniestreiche, ohne Vorlagen, gewissermaßen ohne Anregungen kann kein Stürmer dieser Welt vor dem gegnerischen Tor für Gefahr sorgen. Gleichermaßen hat der Taktgeber, der zumeist im zentralen Mittelfeld zu finden ist, nichts von seinen Einfällen, seiner Vorarbeit, wenn es niemanden gibt, der sie schnell, präzise und ohne darüber zu diskutieren vollendet und veredelt. Die beiden brauchen einander, denn Fußball ist und bleibt ein Mannschaftssport.
Zum Glück, finde ich, denn nur so wird die Möglichkeit zu unterschiedlicher Auffassung, unterschiedlicher fußballerrischer Interessensschwerpunkte und somit zu verschiedenen Spielertypen geschaffen. Ich bin jedoch inzwischen so weit, sagen zu können, dass ich die Konstrukteure den Killern und Knipsern vorziehe. Mich fasziniert die Vorstellung, ein Fußballspiel wie ein Meer zu betrachten, und, dass es da jemanden gibt, der die Wasseroberfläche entweder ruhig hält, so dass alle bedächtig umhersegeln können, um dann mit einem Mal für Aufruhr zu sorgen, einen Sturm heraufziehen zu lassen und ein gewisses Maß an Durcheinander heraufzubeschwören. Genauso soll mein Fußball sein.
Und meine Lieblingsrückennummer ist heute die 4.
Letztendlich lässt sich sagen, dass Ronaldo, oder Ronaldo Fenômeno, wie er in seiner brasilianischen Heimat passenderweise genannt wird, für mich persönlich die Faszination für den Fußball personifiziert. Sobald ich im Garten oder auf dem Bolzplatz stand, wurde ich Ronaldo, sah die Abwehrreihen vor meinem inneren Auge erzittern, hörte die Tausenden und Zehntausenden auf den Rängen schreien, wirbelte umher und schoss, schoss, schoss. Ich schaute zu Ronaldo auf. Dabei war er im Grunde einfach jemand, der sein Hand-bzw. Fußwerk einfach perfekt zu beherrschen schien, und das anscheinend ohne große Schwierigkeiten. Es wird zwar nicht allzu viele Menschen geben, auf die das zutrifft, den ein oder anderen wird man allerdings finden. Jedes Gebiet, jede Kunst, jedes Spiel hat auch Ausnahmekönner. Insofern erscheint es im Nachhinein als ziemlicher Zufall, dass mich ausgerechnet der beste Fußballer so beeindruckte. Ich sah nur Ronaldo. Genauso sollte mein Fußball sein.
An dieser Stelle ist es eventuell ratsam, etwas sachlicher über ihn zu schreiben. Bei Cruzeiro, seiner ersten Profistation erzielte der damals 17-jährige 12 Tore in 14 Spielen. Selbstverständlich erweckten solche Quoten das Interesse großer europäischer Spitzenvereine. Nachdem er zwei Jahre für PSV Eindhoven gespielt hatte, wechselte Ronaldo zu Barça, blieb für eine Saison und schoss 34 Tore in 27 Spielen. Ähnlich spektakulär verlief seine Zeit bei Inter Mailand und Real Madrid. Als Speerspitze der „Galaktischen“ ging Ronaldo endgültig in die Geschichte des Weltfußballs ein. Den Madrilenen schloss er sich im Jahre 2002 an, nachdem er das Finale der WM in Südkorea und Japan quasi im Alleingang entschieden hatte. El Fenômeno sammelte Titel wie andere Briefmarken: er ist zweifacher Weltmeister, zweifacher Copa- América-Sieger, er gewann den Europapokal der Pokalsieger, den UEFA-Pokal, den Weltpokal, wurde zweimal spanischer Meister und gewann sowohl die Copa del Rey als auch den KNVB-Pokal. Soviel zu den Mannschaftstiteln, doch auch das Trophäenregal mit persönlichen Auszeichnungen dürfte äußerst gut gefüllt sein. Er ist dreifacher Weltfußballer des Jahres, zweifacher Europas Fußballer des Jahres und war häufiger Torschützenkönig als andere Profis während der gesamten Karriere Tore erzielen. 1996 in den Niederlanden, 97 und 2004 in Spanien, zudem Europas Torschützenkönig und Welttorjäger 1997. 2002 gewann er neben dem WM-Titel auch den Goldenen Schuh der Weltmeisterschaft, überhaupt ist er Brasiliens Rekordtorschütze bei Weltmeisterschaften.
Der Titel des Welttorjägers gefällt mir persönlich am besten. Die Bezeichnung spiegelt im Grunde alles wider, was Ronaldo darstellte-zumindest für den kleinen Jungen, der im Garten einen Ball durch die Gegend pfefferte. Wer sollte einen Welttorjäger schon aufhalten? Wenn er wie eine Chimäre, wie ein eiskalter Schatten durch die Abwehrreihen geistert, bevor er wie aus dem Nichts zuschlägt. Zack, werden drei Gegner stehen gelassen und im Handumdrehen ist das Tor erzielt. Wie Ronaldo zu sein, erschien mir als das höchste Glücksgefühl, das überhaupt erlebt werden konnte.
Doch mit der Zeit veränderten wir uns, Ronaldo und ich. Auf der einen Seite die Nummer 9, die immer weniger Bedrohung ausstrahlte, je weiter sich ihr Träger seinem Karriereabend näherte. Partys schienen für Ronaldo interessanter zu werden als das harter Training, das man eben braucht um Welttorjäger zu bleiben. Auf der anderen Seite ich selbst, der kleine Junge, der mittlerweile nicht mehr so klein war, und anfing, Systeme, Hintergründe, kurzum die Komplexität des Spiels zu durchdringen- oder es zumindest versuchte. Mein Fokus lag nunmehr weniger auf der Vollendung eines Spielzugs als vielmehr auf seiner Entstehung, also dem Moment, in dem die Torchance unaufhaltsam ihren Lauf nimmt. Einhergehend mit der Erkenntnis, dass zu einem gelungenen, ansehnlichen, eben schönen Tor kein spektakulärer Trick oder atemberaubender Sprint gehören muss, galt mein Interesse nunmehr eher den Spielgestaltern als den Mittelstürmern. Sie sind gewissermaßen die Keimzelle einer jeden erfolgreichen Mannschaftsaktion, weshalb von ihnen gänzlich andere Qualitäten verlangt werden als von Welttorjägern. Statt schnell, trickreich und explosiv zu sein, muss ein Spielmacher in der Lage sein, Räume auf dem Feld zu erkennen, Schwächen der gegnerischen Mannschaft herauszuarbeiten und diese durch gut durchdachte, technisch sauber ausgeführte Ideen im Sinne des Teams auszunutzen. Auf ihrer Arbeit basiert der Erfolg der Mannschaft. Auch ein Welttorjäger kann kein Spiel gewinnen, wenn er auf sich allein gestellt ist, trotz aller technischen Finesse und der Kraft, der Schlitzohrigkeit, die in ihm steckt.
Ein früherer Jugendtrainer erklärte mir mal, dass man als Mittelstürmer nicht viel nachdenken dürfe, das verkompliziere nur alles, da man oft innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde entscheiden müsse, was als nächstes zu tun sei. Da bliebe dann keine Zeit zum Denken. Dieser Ansicht war übrigens auch Gerd Müller, der wohl größte Torjäger, den Deutschland jemals hervorgebracht hat: „Vor dem Tor darfst´ net das Studieren anfangen.“ Klare Ansage, wer zu viel überlegt, verliert.
Vor dem Torabschluss steigt die Fieberkurve bei jedem auf dem Platz. Egal, in welcher Mannschaft man spielt oder welche man anfeuert, die größte Dramatik, das höchste Ausmaß an Spannung, das höchste Tempo wird erreicht, kurz bevor bzw. kurz nachdem der Ball den Fuß des Stürmers verlässt. Das erinnert an den Höhepunkt der Handlung eines Filmes oder Theaterstücks. Sich diesem Wahnsinn zu entziehen, also das Aufkommen dieser Highlights zu verhindern, würde zwar die Nerven beruhigen, gleichzeitig aber auch den Sinn des Spiels konterkarieren. Wenn nämlich gar nichts mehr passiert, schaut keiner mehr zu. Man kann höchstens versuchen, diese Momente des Aufbegehrens in die „richtige Richtung“ zu lenken, das heißt, das Heft in die Hand zu nehmen, das Tempo und die Richtung des Spiels zu kontrollieren. Und genau darin liegt für mich die größtmögliche Leistung eines Fußballers. Durch eine einzige Bewegung, eine Einschätzung, eine Entscheidung, kann das gesamte Spiel beeinflusst werden. Und das Beste daran ist, man muss dafür kein gestählter Superathlet sein, denn die Grundlagen für diese Art von Kontrolle befinden sich im Kopf des Spielers. Es ist eine geradezu intellektuelle Arbeit, die verrichtet wird. Andrea Pirlo umschreibt dies in seiner Biografie: „Kleine Schritte für mich, große Schritte für die Mannschaft.“
Und auch hier lässt sich ein faszinierender Aspekt des Fußballsports erkennen. Diese zwei offenkundig gegensätzlichen Spielertypen - die explosive, instinktiv handelnde Nummer 9, der der Sinn nach Spektakel steht auf der einen, der besonnene, evaluierende, eher zurückhaltend auftretende Spielgestalter auf der anderen Seite- sind quasi aufeinander angewiesen. Ohne Ideen, ohne Geniestreiche, ohne Vorlagen, gewissermaßen ohne Anregungen kann kein Stürmer dieser Welt vor dem gegnerischen Tor für Gefahr sorgen. Gleichermaßen hat der Taktgeber, der zumeist im zentralen Mittelfeld zu finden ist, nichts von seinen Einfällen, seiner Vorarbeit, wenn es niemanden gibt, der sie schnell, präzise und ohne darüber zu diskutieren vollendet und veredelt. Die beiden brauchen einander, denn Fußball ist und bleibt ein Mannschaftssport.
Zum Glück, finde ich, denn nur so wird die Möglichkeit zu unterschiedlicher Auffassung, unterschiedlicher fußballerrischer Interessensschwerpunkte und somit zu verschiedenen Spielertypen geschaffen. Ich bin jedoch inzwischen so weit, sagen zu können, dass ich die Konstrukteure den Killern und Knipsern vorziehe. Mich fasziniert die Vorstellung, ein Fußballspiel wie ein Meer zu betrachten, und, dass es da jemanden gibt, der die Wasseroberfläche entweder ruhig hält, so dass alle bedächtig umhersegeln können, um dann mit einem Mal für Aufruhr zu sorgen, einen Sturm heraufziehen zu lassen und ein gewisses Maß an Durcheinander heraufzubeschwören. Genauso soll mein Fußball sein.
Und meine Lieblingsrückennummer ist heute die 4.
... comment
ccjay,
Donnerstag, 29. Oktober 2015, 14:43
Schöner Einstieg in ein schönes Thema. Bin gespannt, was als nächstes kommt. Nur die Blogüberschrift, Fußball mit Doppel-s, solltest du m. E. noch ändern.
... link
jonas g,
Freitag, 30. Oktober 2015, 13:35
Vielen Dank für die Rückmeldung, hab mich total gefreut als ich den comment gesehen hab !!
... link
... comment